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Pressemitteilung 2/2001

Digitale Drucktechniken:

Ein Albtraum für das Papierrecycling?

Viele Digitaldruckfarben lassen sich kaum entfernen

(Langfassung)

Im Flugzeug verteilt die Stewardess die Nachmittagsversion einer Wirtschaftszeitung, farbig auf DIN-A4-Blättern gedruckt. In London gibt es morgens schon eine Schweizer Tageszeitung am Kiosk – nicht mehr per Postflieger in der Nacht angeliefert, dazu würde die Zeit nicht reichen, sondern per Satellit übermittelt und vor Ort gedruckt. Werbedrucksachen versuchen, die Adressaten über persönliche Anrede besser zu erreichen. Alle Druckerzeugnisse haben eines gemeinsam: Ohne Umweg gelangen die Daten in digitaler Form direkt auf die Druckmaschine. Gemeinsam haben sie aber auch, dass die dabei verwendeten Farben meist beim Papierrecycling kaum mehr entfernt werden können, im Gegenteil: Selbst geringe Mengen dieser Produkte können das Papierrecycling ernsthaft gefährden.

Erstmals stellten Wissenschaftler des französischen Centre Technique du Papier (CTP) systematisch zusammen, wie sich verschiedene digitale Druckverfahren auf den Deinkingprozess auswirken. Die Ergebnisse wurden jetzt im Rahmen eines von INGEDE und CTP gemeinsam veranstalteten Workshops in Grenoble präsentiert. Doch nur wenige Anbieter digitaler Druckverfahren hatten sich für eine Teilnahme an dem Workshop gewinnen lassen.

Überraschend groß sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Verfahren, die derzeit angeboten werden. Besonders schlecht schnitten Flüssigtoner-Verfahren wie das von Indigo ab: Die Maschinen sind als Bogenmaschinen konzipiert, die mit so genannter Electro-Ink (spezieller Farbe von Indigo) drucken und schnell trocknen. Der Toner wird von einer Trommel auf das elektrostatisch aufgeladene Papier übertragen und dort als Polymerfilm fixiert. Die hierbei gebildeten Filme ergeben beim Auflösen der bedruckten Papiere große, aber sehr weiche Partikel, fand CTP-Forscher Bruno Carré heraus. Diese Partikel lassen sich weder mit den üblichen Sieben entfernen noch bei der Flotation – dem Verfahren, mit dem herkömmliche Druckfarben von den Papierfasern getrennt werden. Das Resultat sind große, deutlich sichtbare Schmutzpunkte im recycelten Papier. "Dies ist wirklich eine Gefahr für die Deinkingindustrie", stellte Carré fest. Auch die mittlerweile dritte Generation der verwendeten Farben sei in Sachen Deinkbarkeit nicht akzeptabel.

Besser verhalten sich Trockentoner, wie sie von Xeikon und Xerox für den digitalen Vierfarbdruck eingesetzt werden. Die Helligkeit und die verbleibende Menge an Druckfarben sind gering genug, dass die Deinkbarkeit als gut bewertet werden könnte. Allerdings liegt die Anzahl der Schmutzpunkte immer noch deutlich zu hoch – sie ist zwar geringer als bei anderen digitalen Druckverfahren, aber zehn bis hundert Mal höher als bei Versuchen mit konventionellem Büroaltpapier. "Zu hoch", urteilt Carré, ein zusätzlicher Dispersionsschritt in der Papierfabrik sei nötig, um befriedigende Ergebnisse zu erzielen. Unterschiede in der Bewertung einzelner Verfahren ergäben sich vor allem durch unterschiedliche Fixiertemperaturen und Kopiergeschwindigkeiten.

Positiv bewertete Carré die Deinkbarkeit digital gedruckter Zeitungen, die elektrofotografisch mit Trockentoner nach einem von Océ entwickelten Verfahren hergestellt wurden. Die nach der Altpapieraufbereitung resultierende Helligkeit ist nach ersten Versuchen sogar besser als die konventionell im Offsetdruck hergestellter Zeitungen. Verantwortlich dafür ist möglicherweise auch hier die gewählte Fixiertemperatur zusammen mit der Druckgeschwindigkeit. Einen Einfluss könnte auch die Zusammensetzung des Toners haben, Untersuchungen hierüber liegen jedoch noch nicht vor. Zur Deinkingproblematik habe man sich in der Vergangenheit allerdings keine Gedanken gemacht, räumte Gerd Goldmann von Océ Printing Systems in Deutschland ein. Bisher sei das Ziel eher, die Haftung des Toners auf dem Papier zu verbessern – ein Ziel, das dem der Deinkbarkeit entgegen laufe. Goldmann will den Dialog mit der Deinkingindustrie fortführen.

Tintenstrahldrucke lassen sich kaum entfärben

Unterschiedlich fiel die Deinkbarkeit von Tintenstrahldrucken (Inkjet) aus. Schwarze Tinten enthalten zunehmend feinst verteilte Pigmente, die weder deinkt noch entfärbt werden können. Schon zehn Prozent mit solcher Tinte erstellter Druckprodukte im Altpapier können ein Deinking unmöglich machen. Unter den derzeit angebotenen farbstoffbasierenden schwarzen Tinten können nur wenige zufriedenstellend entfärbt werden. Gelbe und blaue Tinten lassen sich überhaupt nicht entfärben – sie hinterlassen einen gleichmäßigen Farbstich im Altpapierstoff.

Tintenstrahldrucker werden nicht nur im Büro eingesetzt. Um Massendrucksachen mit persönlichen Anreden attraktiver zu gestalten, werden immer höhere Auflagen von Werbesendungen, Rechnungen, Kontoauszüge oder Betriebsanleitungen in atemberaubender Geschwindigkeit von mehr als 2.000 Seiten pro Minute mit Tintenstrahldruckern gedruckt. Die Tinte, so Laurent Mathieu von Scitex Digital Printing aus Paris, bestehe zu 95 Prozent aus Wasser – doch wie man die verbleibenden fünf Prozent später wieder entfernen soll, darüber hat man sich auch in seinem Haus bisher keine Gedanken gemacht.

Angesichts der steigenden Mengen erfassten Altpapiers ist eine rechtzeitige Kooperation zwischen Papierherstellern, Papierverarbeitern, Druckfarbenherstellern und Maschinenentwicklern nötig, stellte INGEDE-Vorsitzender Erwin Krauthauf fest. Der erste Workshop zum Thema Digitaldruck gebe "Anlass zu der Hoffnung, dass man auch hier mehr bewegen kann".

Europaweit werde Zeitungsdruckpapier im Durchschnitt schon zu mehr als 65 Prozent aus Altpapier hergestellt – in Deutschland nahezu ausschließlich aus Altpapier, so Krauthauf. Ein enormes Steigerungspotential liege jedoch bei anderen grafischen Papieren, insbesondere höherwertigen Magazinpapieren: Hier liegt die Altpapier-Einsatzquote in Europa noch unter acht Prozent. Um hier die politisch gewünschte Zunahme auch umsetzen zu können, dürfe sich die Altpapierqualität nicht weiter verschlechtern, so Krauthauf. Insbesondere bei Druckfarben und Klebstoffen müsse verstärkt auf eine recyclinggerechte Abstimmung der verwendeten Produkte und Prozesse auf das eingesetzte Papier geachtet werden. Die INGEDE entwickelt dazu eine Reihe von Untersuchungs- und Bewertungsverfahren. Diese "INGEDE-Methoden" können auf den Seiten der INGEDE im Internet heruntergeladen werden.

Die INGEDE wurde 1989 als Zusammenschluss führender europäischer Papierhersteller gegründet. Ziel der INGEDE ist es, die Verwertung von hellem Altpapier (Zeitungen, Zeitschriften und Büropapiere) zu neuem grafischem Papier und zu Hygienepapieren zu fördern und die Rahmenbedingungen für einen erhöhten Altpapiereinsatz zu verbessern.

19. Dezember 2001

Eine Zusammenfassung der Vorträge des Workshops mit einigen Abbildungen finden Sie hier.


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Letzte Änderung: Freitag, 2. Februar 2007