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Rundfunkinterview zu chlorfreiem Gelb

Pressemitteilung 1/97

Chlorfreie Gelbpigmente für Druckfarben

Text eines Beitrags im Bayerischen Rundfunk (Hörfunk), Programm Bayern 2,
am Montag, 13. Mai 1996, in der Sendung "Radius" zwischen 19:30 und 20:00 Uhr

Sprecher: Ein Blick in einen beliebigen Zeitschriftenladen genügt, und man denkt sich: "Alles so schön bunt hier!" Dutzende von Hochglanz-Magazinen zu den unterschiedlichsten Themenbereichen buhlen um Käufer. Information oder Unterhaltung wird dabei oft gleichgesetzt mit Farbigkeit. Und ausgerechnet mit der Farbe schleicht sich das Chlor, das wir doch gerade erst aus dem Herstellungsprozess von Papier verbannt haben, wieder ein. Dazu Dr. Erich Frank, Chemiker und unter anderem Mitglied der technischen Kommission des Verbandes der Druckfarben-Industrie.

Frank: "Die große Mehrzahl der üblichen Druckobjekte werden aus vier Grundfarben gedruckt. Das ist eine gelbe Farbe, eine rote Farbe, die wir Magenta nehmen (sic!), eine blaue Farbe, die Cyan heißt und ein Schwarz. Und die Gelbpigmente, die heute in fast allen gängigen großen Druckverfahren eingesetzt werden enthalten in ihrem Molekülaufbau chemisch gebundenes Chlor."

Sprecher: Diese Pigmente – winzige Farbteilchen – heißen Diarylgelbpigmente und gehören zu den sogenannten Azofarbstoffen. Das ist die größte und wichtigste Gruppe künstlicher organischer, also auf Kohlenstoffchemie basierender Farben. Unter den organischen Gelbpigmenten sind diese Diarylfarben heute die bedeutendsten. Seit den 50er Jahren werden sie hauptsächlich zum Drucken eingesetzt. Sie haben alle dafür wichtigen Eigenschaften, zum Beispiel einen genau dem Standard entsprechenden Farbton und eine gute Lichtechtheit. Solange die gelbe Farbe auf dem Papier bleibt, stört das Chlor in den Pigmenten auch nicht. Es ist chemisch fest in den Farbstoffmolekülen gebunden. Das ändert sich allerdings, wenn die Hersteller für das Recycling wieder weißes Papier haben möchten.

Noch einmal Dr. Erich Frank:

Frank: "Die Probleme treten jetzt hauptsächlich dann auf, wenn – nachdem ein Druckobjekt seinen Lebenszweck erfüllt hat – dieses Druckobjekt wiederverwertet wird. Dazu wird die Druckfarbe entfernt. Bei diesem Deinking-Prozess fällt ja naturgemäß Druckfarben-Reste an, vermischt mit Bruchstücken von Papierfasern und Papierfüllstoffen, Papierstrichpigmenten. Dieser Deinking-Reststoff wird auf verschiedenen Wegen weiterverarbeitet. Möglichkeiten sind der Einsatz in Zementwerken als Hilfsbrennstoff, Einsatz in Ziegeleien, generell zur Energieverwertung – Verbrennung in Mischung mit anderen Reststoffen."

Sprecher: Bei der Ziegelherstellung ist z. B. der Faseranteil in dem Deinking-Reststoff willkommen. Im Ofen verbrennen die Papierfasern und hinterlassen kleine Poren in den Ziegeln, die dadurch leichter werden und eine bessere Isolierwirkung bekommen. Allerdings macht genau dabei das Chlor in den gelben Farbpigmenten Probleme. Bei seiner Verbrennung entstehen nämlich Chloride, die z. B. zu Korrosionsschäden an den Ziegelei-Anlagen führen können. Außerdem besteht die Gefahr, dass sich beim Verschwelen der chlorhaltigen Stoffe in den Ziegeln auch Dioxine bilden.

Damit sich ihnen dadurch nicht einige Verwertungswege für die Reststoffe verschließen, zeigen die Papierhersteller – unter anderem zusammengeschlossen in der Internationalen Forschungsgemeinschaft Deinking-Technik (kurz INGEDE) –, Interesse an einem chlorfreien Gelb. Und genau da treffen sich ihre Bestrebungen mit denen von Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation bemüht sich allgemein darum, den Einsatz von Chlor in der chemischen Industrie zu reduzieren. Seit einigen Monaten beschäftigt man sich in Hamburg deshalb mit chlorhaltigen Druckfarben und chlorfreien Alternativ-Pigmenten. Ende der letzten Woche lagen erste Ergebnisse einer Recherche vor, die – so Manfred Krautter, Chemie-Experte für Chlorchemie bei Greenpeace – zeigen, dass die Diarylgelbpigmente nicht nur bei der Verbrennung problematisch sind.

Krautter: "Diese Gruppe, diese Azofarbmittel, die haben eben diesen Nachteil, dass unter bestimmten Bedingungen sogenannte aromatische Amine freigesetzt werden. Und das passiert z. B. beim Papier-Recycling. Und zwar ist es heute üblich, dass Recycling-Papier noch gebleicht wird. Und zwar in einer speziellen Bleiche, der reduktiven Bleiche, passiert es dann, dass diese Umwandlung in diese aromatischen Amine stattfindet, und man auf diese Weise unkontrolliert hierdurch, wir schätzen etwa 600 Tonnen pro Jahr dieser krebserregenden Stoffe in die Umwelt entläßt, sprich, die in die Flüsse entlässt. Und das ist für uns zunächst mal das Hauptproblem. Und das wollen wir lösen, indem wir andere Alternativpigmente, andere Gelbpigmente hier am Markt mittelfristig durchsetzen wollen."

Sprecher: Chlorfreie Gelbpigmente gibt es seit geraumer Zeit. Zum Teil sind sie sogar schon länger auf dem Markt als die jetzt üblichen, chlorhaltigen. Allerdings entsprechen sie nicht allen Anforderungen für den Standard-Vierfarbdruck. Sie werden deshalb nur für spezielle Einsatzzwecke verwendet und machen höchstens fünf Prozent der gesamten Gelbpigment-Menge aus. Außerdem sind viele am Ende zwar selbst chlorfrei, basieren aber auf chlorhaltigen Zwischenprodukten. Greenpeace glaubt, bei seiner Studie nun brauchbare Alternativ- Farbstoffe gefunden zu haben, die bei der Herstellung ohne Chlor auskommen, z.B. sogenannte Iso-Indoline. Die zählen zwar auch zu den Azofarbstoffen, aber es gibt welche, die unter Verwendung von Barbitur-Säure hergestellt werden. Und die basiert unter anderem auf Harnstoff, der sich bekanntlich auch als Stoffwechselprodukt im menschlichen Körper findet. Manfred Krautter von Greenpeace glaubt, daß man damit zumindest auf dem richtigen Weg ist.

Krautter: "Ich kann nicht ausschließen, dass wir vielleicht doch noch auf den ein oder anderen sehr wunden Punkt stoßen. Dass wir sagen müssen, da müssen wir doch erst noch einmal ein bisschen abwarten und vielleicht mit den Herstellern reden, ob da nicht noch eine gewisse Abänderung im Produktionsprozess notwendig oder möglich ist. Im Moment würde ich sagen, haben wir Pigmente, die sehr viel umweltverträglicher sind als die gängigen chlorhaltigen Pigmente, vor allem bei den Gelbpigmenten. Diese Pigmente sind noch nicht das hundertprozentige Non-plus-ultra, was Umweltverträglichkeit angeht, aber einem solchen Ziel kann man sich auch nur sukzessive annähern."

Sprecher: Erste Tests in Zusammenarbeit mit dem Druckfarbenverband sollen zeigen, ob sich diese Pigmente auch in der Praxis wirklich bewähren können. Was dann noch aussteht, ist allerdings eine richtige Ökobilanz. Die Herstellung chlorhaltiger Pigmente ist schließlich über einige Jahrzehnte wirtschaftlich optimiert worden, also auch auf einen geringen Rohstoffeinsatz und Energieaufwand hin. Die chlorfreien Druckfarben können da, trotz ihrer Vorteile, möglicherweise nicht mithalten. Teurer sind sie heute auf jeden Fall. Und kurzfristig wären auch keine größeren Mengen zu bekommen. Letztendlich ist es aber wichtig, dass das sinnvolle Papierrecycling nicht durch Chlor zu einer Giftquelle wird.

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Bei Fragen helfen wir Ihnen gerne weiter:


Letzte Änderung: 10.07.2001

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